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Schlaflosigkeit

Ich möchte nicht so weit gehen und behaupten, die Schlaflosigkeit und ich wären Freunde geworden, aber gegenseitig akzeptierte Kumpel, so könnten wir uns wohl nennen.
Mit großem Amüsement höre ich mich noch vor einigen Jahren in das Gespräch zweier Kolleginnen grätschen, die sich darüber unterhielten, dass sie unter Schlafstörungen litten.
Ich erwähnte kurz und wenig hilfreich, ich könne immer und überall schlafen,  was mir die Damen seinerzeit neideten.
Heute verstehe ich sie.

Schlafen, das ging Jahrezehnte meines Lebens lang völlig problemlos, immer, überall und ohne Unterbrechung. Meistens durfte ich Träume genießen, Sie wissen schon, jene Träume, die man beim Erwachen unbedingt mit zugekniffenen Augen zurückerobern möchte, nur, um zumindest noch wenige Augenblicke dieses rundum Glücklichgefühl auskosten zu können.

Die Schlaflosigkeit schlicht sich langsam und heimlich in meine Nächte.
Zunächst wachte ich morgens in der Früh auf, mit dem Drang , die Toilette aufsuchen zu müssen. Diesen Drang zu ignorieren, empfiehlt sich nicht, da sich die Gedanken ansonsten ausschließlich um die vorherrschende Problematik drehen und an Schlaf nicht mehr zu denken ist.
Dies sage ich Ihnen heute so direkt, real hat es viele drängende und weniger drängende Experimente mit den eigenen körperlichen Fähigkeiten  gegeben.
Es ist ja nicht so, als ließe ich mir kampflos von meiner Blase einen neuen nächtlichen Rhythmus auferlegen.

In der Tat - Sie werden mir zustimmen müssen - gewinnt man nicht jeden Lebenskampf und ich sah mich zum einen genötigt, mitten in der Nacht die Toilette aufzusuchen und anderseits auch noch triftige Gründe dafür zu entsinnen.
Denn selbstverständlich war ich noch nicht in jenem Alter (es bedarf keiner weiteren Erklärung, oder?).

Und schon hatte sich die Schlaflosigkeit bei mir eingeschlichen. Was zunächst wie ein harmloser Toilettengang anmutete, entpuppte sich mit einem Mal als Gedankenfalle, denn nichts anderes ist diese heimtückische Schlaflosigkeit, die die Gedanken zum Rotieren bringt, Lichtes in Dunkles verkehrt, Abgründe und Probleme heraufbeschwört und bedrohliche bis hysterische Lebensdramen in phantastischer Ausgestaltung zum Besten gibt.

Zwei Jahre lang kämpfte ich. Zuweilen durchaus auf die merkwürdigste Art und Weise. Versuchte ich es zu Beginn noch mit warmer Milch am Abend - die Schlaflosigkeit lächelte bloß wissend - einem heißem Bad, Autogenem Training, Yoga und was die Ratgeber sonst noch alles hergeben, so ging ich irgendwann dazu über Gedichte zu rezitieren. Also im Dunklen jetzt, nachts, für mich allein.

Natürlich für mich allein, wer möchte schon um drei Ihr morgens von mir schlaftrunken den "Zauberlehrling" vorgetragen bekommen?
Gut, ich möchte das auch nicht unbedingt, aber es war ein wenig unterhaltsamer als dieses ganze meditative Getue, das meine Gedanken ohnehin nur auf Abwege führt.

Gerade eben bist Du noch in Deiner Mitte - gedanklich jetzt - da knurrt der Magen und Du denkst daran, was Du morgen alles essen könntest. Das führt Dich dazu, was Du kochen könntest, würdest Du jemals kochen und das wiederum bedingt, dass man sich die Einkaufskiste durch den Kopf gehen lässt.
Im Supermarkt - ich persönlich empfinde das als Affront  - haben die die Waren neu verteilt und man findet nun gar nichts mehr. Vor dem Einkauf müsste ich tanken fahren, ach, die Sommerreifen müssten drauf, vielleicht kann bald wieder gegrillt werden, aber vorher brauche ich neue Stuhlauflagen oder ich wasche die alten. Irgendwer erwähnte, ich solle zweimal die Woche bei  90° Grad waschen, damit die Rückstände in der Waschmaschine weggespült werden. Wo hatte ich das nur gehört? Ich aß den leckeren Salat, als mir das jemand erzählte. Rote Beete, die war darin, also im Salat jetzt. Innere Mitte, wer zum Henker braucht schon eine innere Mitte?

Die Sache mit der Meditation hatte sich somit erledigt. Die Sache mit dem Schlaf auch.
Heute ignoriere ich die Schlaflosigkeit weitgehend. Sie besucht mich jede Nacht. Mehrere Stunden lang macht sie es sich neben mir gemütlich und versucht meine Aufmerksamkeit zu erregen.

Natürlich muss ich längst nicht mehr auf die Toilette nachts. Das war so eine abgekarterte Sache zwischen meinem Körper und der Schlaflosigkeit. Heute, heute lieg ich einfach nur da. Meist schreibe ich gedanklich wunderbare Texte, selbstverständlich literaturnobelpreiswürdig, die mir morgens nach dem zweiten Erwachen dann aber längst nicht mehr in ihrer nächlichen  Brillanz einfallen.

Zwischen nächtlicher Depression und genialem Wahnsinn dümple ich so dahin.
Nachts jetzt.
Tagsüber versuche ich mir nichts anmerken zu lassen.
Die Menschen halten mich - so glaube ich - noch für normal.

18.04.2017, 14.15

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